Auf der Strecke

by Yussi Pick

Nachdem ich schon in der Luft und auf dem motorisierten Landweg nach New York gekommen bin, war die letzte logische Konsequenz, mit dem Zug zu fahren. Zug und USA gehen ja im Allgemeinen nicht so gut zusammen. Das Problem ist, wie der Beitrag zeigen wird, ein klassisches Henne-Ei Problem. Nachdem niemand mit dem Zug fährt, gibt es täglich nur einen Zug von New York. Und der kommt eigentlich von Chicago. Nachdem er in Chicago zu einer vernünftigen Zeit losfährt und in NY zu einer vernünftigen Zeit ankommt, ist er in Cleveland um 6 Uhr früh. Er braucht außerdem 4 Stunden länger, als die durchschnittliche Autoreise. Das liegt daran, dass er, sobald ein Wohnhaus nur in Riechweite der Strecke liegt, mit 20 km/h durchschleicht. Gut für die AnrainerInnen, schlecht für die Reisenden. Nachdem nur ein Zug täglich und zu einer unheiligen Zeit von Cleveland nach NY gehrt, fährt niemand mit dem Zug. Dementsprechend ist auch die Station in Cleveland eher klein. Neben rund 40 Warteplätzen stehen ein Getränkeautomat und ein Snackautomat, der außer Betrieb ist. Dafür werden Taschen eingecheckt. Bis zu drei Stück darf man abgeben und muss sich nicht weiter darum kümmern. Dabei wäre in den Wagons genug Platz. Die Großraumwagen haben eine große Gepäckablage. Die Sitze sind breiter als in unserer ersten Klasse und sind extra weit auseinander, dass sie sogar zum Schlafen bequem zurückgelehnt werden können, wohne den Hintermenschen zu stören.
Über jedem Sitz zeigt ein Schild, wann die Person aussteigt, damit sie zur Not vom Schaffner aufgeweckt werden kann. Der weiß nämlich genau, wie viele Leute pro Station aus und einsteigen. Außerdem entspricht er dem, was ich mir als Kind unter einem Zugbegleiter vorgestellt habe: Eine Person, die den Zug begleitet. Regelmäßig geht er durch und sagt, wie lange wir noch zur nächsten Station fahren (die Schilder über den sitzen helfen ihm dabei, die betroffenen Passagiere anzusprechen).
Die Kommunikation mit der Bodencrew (es ist anzunehmen, dass die Wartung der Schinen ausgelagert ist) funktioniert allerdings nicht so gut: Kurz vor Syracuse kommt der Zug zum stehen. Der freundliche Schaffner geht durch und erklärt, dass Bauarbeiten auf der Strecke dazu führen, dass sie unerwarteterweise eingleisig geführt ist. Wir müssen also auf einen Güterzug warten. Ab Albany sollten wir aber wieder on schuelde sein. „Die haben seit 20 Jahren nicht nach 11 Uhr gearbeitet“ fügt er leise hinzu.

Gegen drei Nachmittag zieht sich die Fahrt schon ein wenig. Das Hudson Tal ist zwar spektakulär, vor allem bei Sonnenuntergang, aber 12 Stunden ohne Frischluft ist doch eher dröge. Ein überteuertes HotDog zum späten Mittagessen, eine heulende Sitznachbarin im Nacken später und gute 40 Minuten Verspätet erreiche ich New York. Das Gepäck lasse ich eingecheckt, das kann man nämlcih 48 Stunden lang machen. Ob es eine gute Idee war, ergo heute noch da ist, werde ich bald herausfinden.
Fazit: Amtrack fahren macht Spaß und ist bequem und in einem ÖBN Zug hätte ich es 12 Stunden lang wahrscheinlich noch weniger ausgehalten. Aber ein halber Tag Zugfahren ist einfach doch ein bisschen zu viel des Guten.

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