Geplante Stadt

by Yussi Pick

Wie viele Städte in den USA ist Washington geplant. In vielerlei Hinsicht ist es eine Fehlplanung. Ein Überblick.

Die Stadt – Ein Quadrat

Als die Vorväter zusammenkamen und beschlossen, die neue Nation brauche eine Hauptstadt, waren die Staaten Virginia und Maryland bereit, Land (die Legende sagt: Sumpf – das Wetter würde das bestätigen) zu opfern. Die Stadt sollte ein hochgestelltes Quadrat, 100 Quadratmeilen groß, dies und jenseits des Potomac River – der Grenze zwischen den beiden Spenderstaaten werden. In den Wirren des BürgerInnenkriegs bzw. den Diskussionen rund um SklavInnen davor, wurde Alexandria, der Teil jenseits des Flusses, an Virginia  mit den legendären Worten “Keep the sh*t” zurückgegeben. Damit war das Quadrat ein Dreieck, bei dem Pythagoras im Grab rottiert. Weil man ja nicht nachtragend sein will, hat man nach dem BürgerInnenkrieg, in Alexandria, dort wo einst das Haus des Südstaaten-Generals stand, den Soldatenfriedhof hingebaut. Ätsch.

Das Kapitol – Der Mittelpunkt

L’Enfant der Franzose und erste Planer der Stadt hat sich das so vorgestellt, dass das Kapitol der Mittelpunkt der Stadt ist und noch immer ist Washington in die vier Teile NordWest, NordOst, SüdWest, SüdOst, je nach Lage zum Kapitol, aufgeteilt. Real bedeutet das, dass Washington defacto nur aus NW besteht. SW ist ein nicht existenter Landstrich am Ufer des Potomac, SE misst sich in der AIDS Rate mit Afrikanischen Entwicklungsländern (1) und NE ist de facto nur suburbanes Gebiet. Außerdem hat die das Symbol des Föderalismus in seiner Überheblichkeit einmal beschlossen, dass kein Haus höher als das Kapitol sein darf. Ein Grund, warum die Mieten in Washington absurd hoch sind.

(1) Das ist keine Übertreibung.

Die Straßennummerierung – Ein Alptraum

In Wahrheit ist es ganz gut, dass das Kapitol nicht in der Mitte der Stadt steht und die Quadranten nicht gleich groß sind. Washington ist eine Rasterstadt, wie New York: Es gibt horizontale und vertikale Straßen (und dann noch wie wild am Reißbrett dazugemalt schräge und halbschräge Straßen, die nach den Bundesstaaten benannt sind – oder nach Gründungsvätern, oder wichtigen Dokumenten). Die horizontalen Straßen sind ausgehend vom Kapitol von A-W benannt (ich weiß nicht was mit X,Y,Z passiert ist). Die vertikalen Straßen nummeriert. Der/die raumvorstellungsbegabte LeserIn merkt schon…da ist was faul: Wären alle Quadranten gleich groß, gäbe es von jeder Kreuzung vier Stück. Und von vielen – zumindest bis I und 13th gibt es zumindest eine im NW und eine im NE.

Übrigens: Die Straßen nach W sind alphabetisch geordnet und haben zwei Silben. Nach der Webster St. beginnt eine neue Zählung mit der Allisson St. – dreisilbig. Dass Columbia einen Block von Irving und drei von Park ist, zeigt nur dass ein Franzose die Stadt geplant hat.

Der Park – Eine Hürde

Und dann ist in dieser Stadt auch noch ein riesiger grüner Fleck. Das wäre ja nicht so schlimm, würde die Gegend jenseits des Parks verkehrstechnisch an den Rest angebunden sein. Der Park ist stolze 3 Arcres (11 qkm) groß – also doppelt so groß, wie der Central Park und es führt EINE Straße durch ihn. Selbst die U-Bahn macht einen Bogen um den Park. Wäre mir alles egal, würde nicht meine Uni hinter dem Park liegen.

Die Steuer – Ohne Vertretung

Schon mal etwas so schlecht eingedeutscht gesehen? “Taxation without representation” war die Kritik der Kolonien an Groß Britanien. Nach ihrer Unabhängigkeit haben sich die Gründerväter dieses Model zum Vorbild genommen, um “The District”, wie Washington im In-Sprech heißt, mit Rechten auszustatten. Sie haben keine. Sie haben sich vorgestellt, dass die Bürokraten hie und da im Jahr nach Washington kommen, dort ihre Geschäfte erledigen und dann wieder in ihre Heimatstaaten zurückreiten. Dass diese Geschäfte auch wer wegputzen muss, daran haben sie nicht gedacht. Erst seit 1961 (und damit noch immer ein paar Jahre vor Afro-AmerikanerInnen) haben EinwohnerInnen der Hauptstadt das Recht, den Präsidenten zu wählen. Mein Mitbewohner hat sich gerade in D.C. registriert und hat damit praktisch alle seine BürgerInnenrechte an den Nagel gehängt: BewohnerInnen der Stadt haben eine Vertretung im RepräsentantInnenhaus, die allerdings kein Stimmrecht hat. Im Senat sitzt keine Vertretung. Die Hauptstadt der Freien Welt ist damit etwa genauso frei wie Puerto Rico oder Guam, beides “unincorporated territory”. Dazu aber mehr auf Wikipedia.

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